Andrea Hanak

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Die Ausstellung PURPUR erschließt sich wie der Raum RSTR4. Wir passieren eine Reihe von Bildern links, und wir stehen vor drei an der Stirnwand. In dem mittleren davon tritt uns der Purpur dreifach entgegen. Das Bild scheint getragen von einem dunklen Grund, beherrscht von roter Farbe und durchfurcht von der Zeichnung der Blüten. Es ist, als würde die schwarze Decke des Raumes erwachen als roter Klang. Die Blumen auf den Bildern links und rechts von dieser Mitte fügen dem Rot Gelb und Blau nicht nur als Grundfarben, sondern als Farben des Grundes hinzu.

Wir halten den Atem an, verdichten die Luft, die an der langen Wand wieder frei strömend erscheint. Das Bild am Eingang beginnt mit Asymmetrie und mit dem Gegensatz jener Monochromie, mit Polychromie. Eine positiv gemalte, nicht geritzte Zeichnung hebt die farbige Vegetation ab von einem lichten Grund. Dieser Grund wirkt weniger flach als tief. Oder das „tiefe“, aus Schwarz und Weiß entfaltete Rot in dem folgenden Bild erscheint wenn nicht als Fläche, so doch kälter als das Rot an der Stirnwand. Oder es ist, als würde das dritte Bild links oben sich lichten, das Dunkel ebenso wachsen wie leicht werden durch die Zeichnung, die in die Farbe geritzt ist. Oder es scheint, die Formen des vierten Bildes knospen von oben, entfalten sich wie die Fraktale des Grundes, verwalten eine neue Provinz des Kubismus.

Ich kann nicht anders als vage, im Konjunktiv oder mit „oder“ sprechen, wenn ich genau sprechen will von dem, was erscheint. Diese genaue Erscheinung nennen wir Malerei. Die Malerei wird als Tatsache immer verfehlt. Und sie wird als Perspektive immer erschlossen. Unser Gang durch den Purpur ist für uns notwendig, so weit er nur scheinbar ist. In Wirklichkeit sind die strengeren Drei beschwingt aus der Mitte gerückt, die freieren Vier genau in die Mitte der Längswand gesetzt. Die Bilder sind nicht zu dreien und nicht zu vieren und nicht für den RSTR4 gemalt. Positive Tatsachen sind, dass Andrea Hanak 2002 unter dem Titel Undine renoviert ausgestellt hat und 2016 in einem Raum ausstellt, der nicht renoviert ist. Auch unser Gang durch die Ausstellung läßt uns an das deken, was in der Geschichte vorliegt und insofern „positiv“ ist. Vorne denken wir mehr an Expressionismus, bei den Bildern an der Seite mehr an Impressionismus. Aber sogar dann, wenn wir abstrakter denken, an Inneres, Äußeres, an Intensives und Extensives, verfehlen wir doch, was wir sehen. Denn Andrea Hanak zeigt uns nicht Schulen der Malerei, sondern das, worauf sie sich selber versteht. Die zwei Wände sind mehr als eine Falte im Raum, sobald wir anfangen, wie man sagt, „ums Eck rum“ zu denken.

Die Bilder von Andrea Hanak sind wirkliche Malerei, weil sie für eine wirkliche Mythologie stehen. In dem Bild, das am meisten Purpur enthält, haben wir ein Tragen, ein Herrschen und ein Verletzen gefunden. Man könnte auch von Verfahren sprechen, die sich auf Grund, Fläche und Schrift richten. Aber diese Verfahren finden nur dann zu dem Ende, das Malerei heißen kann, wenn sie Erfahrungen sind. Der Purpur ist eine Farbe, weil er mehr ist als eine Farbe.

Text: Berthold Reiß