Andrea Hanak

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Unter freiem Himmel

Unter freiem Himmel ist die erste Ausstellung von Andrea Hanak in der Galerie Françoise Heitsch. Andrea Hanak zeigt Ölbilder, Collagen und weitere Papierarbeiten. Hinzu kommen zwei Bänke, die den Betrachter scheinbar einladen, Platz zu nehmen. Diese Objekte verweigern sich aber einem Gebrauch, den man aus dem Museum kennt. Sie laden vielmehr zu einer Betrachtung ein, die den Titel Unter freiem Himmel anschaulich werden lässt. Die Sitzflächen sind mit Spiegeln belegt, die Seitenflächen bedeckt von der Farbe des Himmels bei Tag beziehungsweise bei Nacht. Bei jedem Blick in einen horizontalen Spiegel erscheinen Oben und Unten vertauscht. Hier stellen sich Oben und Unten, aber auch Licht und Dunkel erweitert dar als kosmische Dualität. Diese Erfahrung wird nicht am Himmel zugänglich, sondern an einem Möbel. Dual sind daher auch Nähe und Ferne. Eine Position, gerne als Sitzplatz belegt, wird entzogen und wieder in Aussicht gestellt.

Die Bank für den Tag steht oben, die Bank für die Nacht unten. Auch wenn der Schauplatz Unter freiem Himmel sein soll, kann Andrea Hanak auf die Form, die die Galerie Françoise Heitsch von sich aus hat, antworten. Ein oberer Raum, der durch das Fenster zur Amalienstraße ganz überblickt werden kann, ist mit einem gleich großen unteren durch eine elegante Treppe verbunden. Tageslicht fällt durch eine Öffnung im Boden am Fenster nach unten. Entsprechend zeigt Hanak oben Ölbilder, unten Collagen. Dazu kommen die Pinselzeichnung Elisabeth, die auf der Einladung abgebildet ist und zwei Blätter, monochrom gelb und rot mit Ölfarbe bemalt und gefaltet. Die Einladung erinnert an den poetischen Kosmos, den Hanak 2005 im Lenbachhaus in München gezeigt hat. Und obwohl die zwei Blätter scheinbar im Gegensatz dazu reduziert und konstruktiv formuliert sind, weist ihre dezentrale Platzierung aus dem Extrem heraus auf diesen Kosmos zurück. Die verschiedenen Arbeiten sind nicht nur formal, sondern vor allem motivisch verbunden. Sogar die Bänke, die zuerst unpersönlich erscheinen, enthüllen ihre wahre Funktion, sobald sich der Betrachter selbst darin spiegelt. Denn die Motive bleiben Gesicht oder Pflanze auch dann, wenn sie formal als Rund oder Raute und Mandel erscheinen. Wie Worte behalten sie ihren Charakter auch, wenn sie nachhallen oder in Sätze treten, wenn sie dynamisch ausstrahlen von einem Zentrum oder sich in eine Richtung entfalten. Die Verbindung mit den Motiven bricht auch in der Galerie nicht ab.Und die Motive bleiben sogar dann präsent, wenn sie sich so einfach darstellen wie ein Prinzip und so vielfältig wie ein Wörterbuch. Das gelbe Blatt Sonntag, das oben unter der Decke hängt, entfaltet ein Zentrum durch einfache Knicke, die horizontal, vertikal und diagonal die Mitte durchqueren. Dagegen scheinen die Collagen unten das ganze Vokabular vorzustellen, das in den Ölbildern eingesetzt ist.

Der Ort, den Unter freiem Himmel bezeichnet, ist in der Geschichte der Malerei besser bekannt als en plein air. Aber Andrea Hanak malt nicht en plein air. Kein Weg führt aus ihren Bildern zu dem Licht von München oder zu dem Licht von Florenz, wo sich Hanak 2006 in der Villa Romana aufgehalten hat. Es gibt gar kein Licht, das nicht das Licht der Farben selbst wäre. Mit einer Malereien plein air haben die Bilder nur gemeinsam, dass diese Farben Ölfarben sind. Es gibt die Malerei en plein air nur in wenigen Jahrzehnten vor der Moderne. Aber es gibt immer noch die Vorstellung, dass der Maler beim Frühstück im Freien wirklich zugegen war. Andrea Hanak macht diese Ausnahme zu einer Regel, wenn sie Wirklichkeit und Lebendigkeit mit ihren eigenen Mitteln ins Bild setzt. Daher kann man schon sagen, dass ihre Ausstellung in der Galerie Françoise Heitsch stattfindet wie Unter freiem Himmel.

Berthold Reiß